Lehren an der Alanus Hochschule
Alanus Hochschule der musischen und bildenen Künste
Information zur Alanus Hochschule, geschrieben von Frank-Rüdiger Hildebrandt, Alfter, 30.11.2023
Die Alanus Hochschule hat als Kunsthochschule in privater Trägerschaft eine 50-jährige Geschichte, die sich in zwei wesentlichen Abschnitten entwickelt hat: 30 Jahre vor der staatlichen Anerkennung und 20 Jahre danach. Dieser Aufsatz konzentriert sich auf die Gründung und die ersten 30 Jahre der Hochschule.
Gründung der ‚Alanus Hochschule der musischenund bildenden Künste‘
1973 wurde die Alanus Hochschule in Alfter aus einem Kreis von Künstlerinnen und Künstlern gegründet, die durch das Interesse an Anthroposophie verbunden waren. Initial bekannt unter dem Namen ‚Alanus Hochschule der musischen und bidenden Künste‘ vereinte die Hochschule alle Künste unter einem Dach. Der Namenspatron ‚Alanus ab Insulis‘ galt als früher Vordenker dieses ganzheitlichen Ansatzes.
Das Gründungskollegium
folgende Künstler bildeten das Gründungskollegium:
Wilfried Ogilvie (Maler und Bildhauer)
Heinz Häußler (Bildhauer)
Peter Ferger (Architekt)
Margit Wagner (Eurythmistin)
Rainer Wagner (Eurythmist)
Hayat Atta Ogilvie (Pianistin)
Wilhelm Schwegler (Querflötist)
Gerhard Reuther (Geiger)
Hans Erik Deckert (Cellist)
Dr. Günther Schönemann (Arzt)
Erste Bauzeit
Die künftig Studierenden und ihre Dozenten renovierten gemeinsam die Räume des alten Hofgutes: Aus dem Kuhstall wurde die Mensa, aus dem Schweinestall die Küche, aus dem Heuboden der Festsaal. Ein Musikstudio und Malateliers entstanden in den Dachräumen, Bildhauerateliers in der ehemaligen Schmiede und in den Ställen des Seitentraktes.
Studienbeginn
Im Herbst 1973 begannen die ersten 30 Studenten in seminarartiger Zusammenarbeit ihr Grundstudium. Mit den jährlich folgenden Jahrgangsgruppen wurde das Studienkonzept schrittweise umgesetzt. 1975 wurde das Studienangebot durch den FachbereichSprachgestaltung und Schauspiel unter Leitung des Sprachgestalters Martin Georg Martens erweitert. 1978 kam die Architektur mit den Dozenten Wilfried Ogilvie, Peter Ferger, Frank-Rüdiger Hildebrandt und Gundolf Bockemühl hinzu. Das Studienfach Architektur startete zunächst mit einem einjährigen Kurs einer Studiengruppe von der TH Delft; danach begann der reguläre 5-jährige Studiengang zuzüglich eines einjährigen Büropraktikums.
Studienentscheidung und Studienkonzept
Jede Studentin und jeder Student der Alanus Hochschule entschied sich von Anfang an für ein Studienfach und nahm zusätzlich im ersten Jahr an einem Kanon wechselnder praktischer und theoretischer Kurse teil, die jeweils zwei Wochen dauerten. Die theoretischen Kurse waren: Projektive Geometrie, Pädagogik, Astronomie, Anatomie, Anthropologie, Ästhetik, Kunstgeschichte und goetheanistische Naturbetrachtung. Die praktisch-künstlerischen Epochen waren Malerei, Bildhauerei, Eurythmie, Sprachgestaltung und Gesang.
Der Studienalltag bestand neben dem Studium Generale aus dem täglichen Üben in der gewählten Kunst und dem damit verbundenen Korrekturgespräch mit dem Hochschullehrer. Klassen von Professoren nach dem Vorbild der Düsseldorfer Kunstakademie gab es nicht. Die Hochschullehrer eines Fachbereiches arbeiteten zusammen mit Gastdozenten, die das Hauptfach erweiterten.
Das Studium war in Trimester aufgeteilt, die mit einer Bauzeit begannen, um weitere Räume des Johannishofes für die wachsende Zahl der Studierenden zu erschließen. In den ersten Jahren war alternativ auch die Arbeit im Gemüsegarten möglich, der die Küche versorgte. Der Umgang mit Pflanzen wurde als wertvoll für ein Studium im Lebendigen der Kunst erachtet.
Trimester- und Studienabschlüsse
Die Studierenden aller Kunstrichtungen nahmen an den Trimesterabschlüssen Ihrer Kommilitonen teil. Dabei entstand reger Austausch unter allen Studierenden und Lehrenden.
Nach dem dritten oder vierten Jahr des Grundstudiums, bei den Eurythmisten, Schauspielern und Musikern dauerte das Grundstudium vier Jahre, legten die StudentInnen eine Abschlußarbeit vor, die in Form einer Ausstellung oder einer Aufführung von der Studentenschaft wahrgenommen und diskutiert wurde. Ein folgendes, zweijähriges Aufbaustudium führte in vier mögliche Berufsfelder: Kunstpädagogik, Kunst-oder Musik-therapie, Kunst in sozialem Kontext und freie Kunst.
Die Architekten legten nach neun Trimestern ein Vordiplom ab, gingen dann in ein einjähriges Büropraktikum, gefolgt von 6 Trimestern Aufbaustudium in dem während der letzten 2 Trimester die Diplomarbeit bearbeitet wurde.
Alle Abschlüsse waren öffentlich. Eingeladen wurden Förderer und Freunde der Hochschule, sowie Eltern und Kunstfreunde der Umgebung, so dass die Abschlüsse zu beliebten Kunstereignissen des Bonn-Kölner Raumes wurden.
Das kulturelle Leben wurde durch öffentliche Vorträge, Konzerte und Theateraufführungen intensiviert.
Herausforderung der Architekturstudenten
Alle Studierenden der Alanus Hochschule beendeten ihr Studium mit einem hochschuleigenen Diplom. Für die damaligen Architekturstudentinnen und -studenten war das besonders herausfordernd, da dieses Diplom den AbsolventInnnen nicht erlaubte den Titel ‚Architekt‘ zu führen. Dennoch wurden sie als besonders kreative Mitarbeiter geschätzt, nicht selten nach der Diplomvergabe von ihren Praktikumchefs angestellt. Einige unterzogen sich nach zehn Jahren Büropraxis einer Prüfung bei der Architektenkammer, andere schlossen sich in Teams zusammen, in denen einer unterzeichnungsberechtigt war. Wieder andere legten gleich mit der Praxis los und nannten sich Raumplaner, Architekturdesigner oder Stadtgestalter.
Freitagsgespräch
Während des Trimesters trafen sich Studierende und Lehrende zumwöchentlichen ‚Freitagsgespräch‘. Als offenes Gespräch am Ende der Studienwoche gab es Raum für alle Hochschulmitglieder und wurde so zur Quelle für Inspiration und neue Ideen.
Konferenzen
Ein wesentlicher Bestandteil des Hochschullebens war das Konferenzwesen. Der Mittwochnachmittag war Konferenzzeit. Den Auftakt bildeten gemeinsame, eurythmische Übungen des Kollegiums zur Stärkung der kollegialen Verbundenheit. Anschließend wurden in der allgemeinen, pädagogischen Konferenz zusammen mit den Studentenvertretern studienbezogene Fragen besprochen. Schließlich folgte die interne Konferenz, in der zu Beginn Themen zu Kunst und Antroposophie erarbeitet wurden. Anschließend standen meist strukturelle, organisatorische und wirtschaftliche Überlegungen zur Diskussion.
Werkstätten der Hochschule
Ähnlich wie beim ‚Bauhaus‘ sollten der Hochschule Werkstätten angegliedert werden. Die Gründung des Architekturbüros „Alanus Bauhütte“ durch den Maler und Bildhauer Wilfried Ogilvie und den Architekten Frank-Rüdiger Hildebrandt war ein erster Schritt. Es folgten eine Schreinerei, eine Druckerei, eine Weberei und der Anfang eines landwirtschaftlichen Betriebes. Aufgrund des starken Engagements der Lehrkräfte im Lehrbetrieb konnten diese Einrichtungen nicht langfristig in den Hochschulorganismus integriert werden.
Die soziale Kraft der Kunst
Der niederländische Geschäftsführer Albert Engelsman betonte in der Öffentlichkeit den sozialen Impuls der Hochschule und schlug die Brücke zum Ministerium. 1987 trat die ‚Alanus Hochschule der musischen und bildenden Künste‘ das erste Mal mit einer umfangreichen Gesamtausstellung unter dem Titel, ‚Die soziale Kraft der Kunst‘ an die Öffentlichkeit. Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit und mit Förderung des Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft und wanderte vom Wissenschaftszentrum Bonn an die Kunstakademie in Posen und von da aus in die Niederlande. Ein umfangreicher Katalog dokumentiert den künstlerischen Ansatz der Hochschule mit Beispielen zu Malerei, Bildhauerei und Architektur anhand von Studentenarbeiten und realisierten Projekten der Hochschullehrer.
Der renommierte Sozialpädagoge Thale Bout kam mehrmals aus den Niederlanden nach Alfter, um mit den Studierenden Seminare mit sozialen Übungen zu gestalten. Auch das Kollegium übte mit Thale Bout Sozialkompetenz.
Aufbaustudium ‚Kunst in sozialen Arbeitsfeldern‘
In dieser Zeit wurde der Aufbaustudiengang ‚Kunst in sozialen Arbeitsfeldern‘, kurz ‚Kunst im Sozialen‘, in das Hochschulkonzept aufgenommen. Der Studiengang war ausgerichtet auf künstlerische Arbeit mit Jungarbeiterinnen und -arbeitern in Fabriken und Firmen, mit Häftlingen in Strafvollzugsanstalten, mit Suchtgeschädigten und mit Menschen aller Altersstufen in sozialen Brennpunkten der Städte. In den unterschiedlichsten Milieus machten die Studentinnen und Studenten ihre für das Studium geforderderten Praktika. Der Abschluss bestand in einer Studiendokumentation mit Darstellung konkreter Arbeitsmethoden und Erfahrungen.
Raumbedarf
Die Studentenschaft wuchs auf 300 Studierende. Um den Raumbedarf zu decken, mietete die Hochschule das markante Schloss Alfter, das für die moderne Kunst bereits eine Tradition besaß. Der kunstliebende Fürst Salm-Reiferscheidt lud 1945-47 die Künstler der ‚Donnerstag Gesellschaft‘ zu Veranstaltungen in den Schloßsalon ein. Die Künstler Berke,Trier und Meistermann träumten damals schon von einer Vorgebirgsakademie, die ohne Kenntnis voneinander, 25 Jahre später mit der Gründung der Alanus Hochschule Realität gewann. Die Architekturabteilung zog in das Schloß ein. Unter dem Dach des Schlosses waren 24 Studentenzimmer. Das Architekturbüro ‚Alanus Bauhütte‚ wurde in der Beletage zwischen den Studienateliers platziert.
Als nächster Schritt der Erweiterung des Johannishofes wurden die Seitenflügel über das Carré des Hofgebäudes hinaus verlängert. So entstanden ein Kammermusiksaal und zwei Übungssäle.
Der Kulturerlebnisweg Alfter
Das Schloss Alfter und der Johannishof wurden zu den zentralen Anlaufstellen für die Studierenden. Der Verbindungsweg durch den historisch gewachsenen Ortskern und die anschließenden Obstplantagen wurde zum ‚Kulturerlebnisweg Alfter‘ gestaltet, der 23 bemerkenswerten Stationen umfasst: Fachwerkhäuser, Wegekreuze, Standplätze für Skulpturen und die Galerie im Schloß mit 24 europäischen Phantasielandschaften des belgischen Wandermalers Renier Roidkin.
Vom Kulturerlebnisweg zum Kunsterlebnisweg
Mit dem Wachsen der Hochschule erweiterte sich der Kulturerlebnisweg Alfter zum Kunsterlebnisweg, der Einblick in das Leben und Wirken der Kunsthochschule gab.
Idealplan versus Realplan
Im Laufe der Jahre wurden verschiede Erweiterungsmöglichkeiten der Hochschule erwogen. Wilfried Ogilvie legte einen Idealplan für die Alanus Hochschule vor. Visionär bezog er die gesamten Hanggrundstücke der Umgebug des Johannishofes ein, plante einen Festsaal, Hörsäle, Ateliers, ein Kirchzentrum, Wohnviertel für Studenten und Dozenten und deren Familien, sowie für Bauwillige aus der Gemeinde. Doch bereits die ersten Anfragen bei Grundstückseignern, sowie bei der Gemeinde- und Kreisverwaltung zeigten so große Hindernisse, dass der Plan aufgegeben werden musste. Stattdessen gestaltete Frank-Rüdiger Hildebrandt einen Realplan, der zukünftige Bauten auf dem Alanus-eigenen Grunstück ermöglichte.
Finanzierung der Hochschule
Die Finanzierung wurde durch Spenden, Studiengebühren, Architektenhonorare der Bauhütte, geringe Gehälter, (in schwierigen Phasen sogar durch Verzicht auf Gehälter) und durch Zuwendungen nach dem Weiterbidungsgesetz erreicht; wobei diese dem Zuspruch des damaligen Ministerpräsidenten von NRW Johannes Rau zu verdanken waren.
Durch den sogenannten Bonn-Berlin-Ausgleich konnte im Jahr 2000 das ‚Alanus Werkhaus‘ mit zwei Malateliers, Bildhauerwerkstatt, Verwaltung, Studio und Gästehaus von der ‚Bauhütte im Schloß‘ geplant und in Kooperation mit dem ‚BauAtelier GbR‘ realisiert werden. Bildhauerhof, Malerateliers und das Glashaus entstanden nach der staatlichen Anerkennung mithilfe weiterer Fördermittel des Bundes.
Wandel der Studentenschaft
In den ersten Jahren hatte die Hochschule in der Folge der Studentenbewegung der 68er-Jahre Zulauf von älteren, kritischen Menschen, die oft eine Berufsausbildung hatten, die sich neu orientieren wollten, und die keinen Wert auf staatlich anerkannte Examina legten. Nach und nach wurden die Studienbewerberinnen und -bewerber jünger. Schließlich kamen immer mehr AbiturientInnen zur Aufnahme, die sich, trotz aller Begeisterung für die Hochschule, aufgrund des nicht staatlich anerkannten Abschlusses gegen ein Studium in Alfter entschieden. Der Druck wuchs, einen staatlich anerkannten Abschluss zu bieten.
Wandel der Institution
Die wirtschaftliche Lage der Hochschule verbesserte sich nach 30 Jahren durch die großzügige Förderung der Software AG Stiftung, die jedoch auch die staatliche Anerkennung der Hochschule forderte. 2002 erhielt die inzwischen umbenannte ‚Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft‘ die staatliche Anerkennung vom ‚Ministerium für Schule, Wissenschaft und Forschung‘ NRW in Düsseldorf. So wurde die Alanus Hochschule Nordrhein-Westfalens erste staatlich anerkannte Kunsthochschule in privater Trägerschaft.
Damit wurden das Scheine-Punkte-System und die Bachelor-Master-Abschlüsse eingeführt. Zudem erhielten die Hochschullehrer den Professorenstatus.
Alanus Campus I und Campus II
Das Schloss Alfter wurde aufgegeben, doch mit Hilfe der Software Stiftung konnte die schon lange erforderlich gewordene Erweiterung der Hochschule durch den Alanus Campus II im tiefer gelegenen Ortsteil realisiert werden. Dieser einheitliche Gebäudekomplex kann als Gesicht der neubegründeten, staatlich anerkannten ‚Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft‘ mit ihrer 20-jährigen Geschichte und ihren 1600 Studierenden angesehen werden.
Der Alanus Campus I am Vorgebirgsrand spiegelt hingegen auch heute noch die Geschichte der ersten 30 Jahre der ‚Alanus Hochschule der musischen und bildenden Künste‘ wider.



